Die „Versorgung von MS-Patienten in Hessen“ war das zentrale Thema des hochkarätig besetzten Expertenforums in Fulda, zu dem sich eine lebhafte Diskussionsrunde entwickelte. Für das Forum hatte die DMSG Hessen MS-Betroffene, Angehörige und Interessierte in das Synapsis Seminarzentrum Dr. Jordan nach Fulda eingeladen. 

Das Beratungsangebot der DMSG Hessen im Zentrum Vital in Fulda sei für Menschen mit Multiple Sklerose und ihre Angehörigen „von großer Bedeutung“. Dafür bedankte sich Frederik Schmitt, Erster Kreisbeigeordneter Landkreis Fulda, bei der DMSG Hessen und begrüßte gleichzeitig die rund 80 Gäste beim MS-Expertenforum in Fulda.

Zu der Veranstaltung hatte die DMSG Hessen Ende September MS-Betroffene, Angehörige und Interessierte eingeladen. Experten verschiedener Fachrichtungen waren zur Podiumsdiskussion geladen, um sich zum Thema „Versorgung von MS-Patienten in Hessen“ auszutauschen, Probleme anzusprechen und Lösungsansätze zu finden: Dr. Stefan Specht (Mitglied der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen und Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte Landesverband Hessen), Dr. Thomas Klitsch (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie), Frederik Schmitt, Tanja Stadler (Mitarbeiterin Gesundheitsamt Fulda und MS-Betroffene) sowie Bernd Crusius, Geschäftsführer DMSG Hessen.

Deutschland sei ein im internationalen Vergleich sehr reiches Land, in dem 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in das Gesundheitswesen fließen würden, sagte Frederik Schmitt. Dennoch sei vieles verbesserungswürdig und oft seien Prozesse fehlerhaft gestaltet. Das solle unter anderem Thema der Diskussionsrunde sein, so Schmitt weiter.

Monika Dettke, Leiterin Soziale Dienste DMSG Hessen und zugleich Moderatorin des Expertenforums, gab den Dank an Schmitt zurück: „Wir fühlen uns sehr gut aufgehoben in Fulda.“ Dann befragte sie die Diskussionsteilnehmer nach ihren Erfahrungen mit dem „eigentlich qualitativ hochwertigen Gesundheitssystem in Deutschland“, bei dem es dem Anschein nach noch viel zu tun gäbe. Unzufrieden mit der Heilmittelverordnung zeigte sich Tanja Stadler, beispielsweise bei der Verschreibung von Physiotherapie. Auch sei es oft ein Kampf um das dringend benötigte MS-Medikament, wenn der Neurologe ein neues Rezept verweigere mit dem Hinweis, der Patient habe im laufenden Quartal bereits eines erhalten. „Ich brauche das Medikament. Und mir wird zum Vorwurf gemacht, dass ich ein so teures Medikament nehme“, stellte Stadler ernüchtert fest. Sie selbst, die als MS-Betroffene engagiert in der DMSG Hessen mitarbeitet, könne diesen Kampf ausfechten, andere MS-Erkrankte hätte die Kraft dazu nicht.

Einig waren sich Dr. Stefan Specht und Dr. Thomas Klitsch, dass es im Bereich MS ein großes Ärzte-Versorgungsproblem gäbe. „Wir wünschen uns mehr Zeit für den Patienten“, gab Specht offen zu. Der Versorgungsdruck werde immer höher, da immer mehr Patienten zum Neurologen gehen würden. Es gäbe einfach nicht genügend Neurologen in Hessen. „Wir kommen mit der Arbeit kaum hinterher“, so Klitsch. Auch in seiner Praxis müssten Patienten oft ein halbes Jahr auf einen Termin warten.

So war denn auch die Bedarfsplanung der ärztlichen Versorgung in Hessen ein großes Thema. Als Mitglied der Vertreterversammlung der KV Hessen stellte Specht fest, dass der Gemeinsame Bundesausschuss – Vertreter der KV auf Landesebene und der Landesverbände der Krankenkassen – für die Bedarfsplanung zuständig sei. Aktuell werde eine Bedarfsplanung erstellt, die 2020 umgesetzt werden solle. Dem Einwand aus dem Publikum, dass der 10-Jahre-Rhythmus für neue Bedarfsplanungen viel zu lang sei, konnte Specht nur zustimmen.

Bernd Crusius machte seine Forderung deutlich, die Bedarfsplanung dem tatsächlichen Bedarf anzupassen. Auf dem Papier werde eine Überversorgung an Ärzten festgemacht, die Realität sehe aber komplett anders aus. Fulda sei momentan sogar „Mit-Versorger“ für den Vogelsbergkreis, was aber in der Bedarfsplanung nicht einberechnet werde, sagte Schmitt.

Viele Ärzte möchten sich bewusst nicht mit einer Praxis niederlassen, berichtete Specht. Das Thema Regress hindere viele daran. Ein Arzt könne Sonderregelungen außerhalb des Regelfalles geltend machen, was aber einen erhöhten Verwaltungsaufwand bedeute. So habe der Arzt die Möglichkeit, das teure Medikament zu verordnen. Auch Medikamenten-Regresse würden zurückgehen, beispielsweise für chronische Erkrankungen, so Specht. Dies sei ein Versuch der KV, den Beruf des Neurologen attraktiver zu machen. Es gäbe außerdem eine hessische Richtlinie zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung in Landkreisen wie dem Vogelsberg-Kreis, die von einer Stadt mitversorgt werden. Laut Specht bekommen Ärzte, die sich dort niederlassen, einen Zuschuss in Höhe von 60.000 Euro von der KV sowie weitere finanzielle Unterstützung. Bisher seien diese Gelder nicht vollständig ausgeschöpft worden.

„Wir müssen mehr Ärzte ausbilden“, so ein Lösungsversuch Schmitts, der ein Fachkräfte-Problem bei den Ärzten voraussagt. Er stellte das sogenannte „Fulda-Stipendium“ vor, einen Zuschuss von 400 Euro pro Monat für Medizinstudenten, die sich verpflichten, später im Landkreis Fulda tätig zu werden. Mit dem Projekt „Landpartie“ könnten außerdem Medizinstudenten der Universität Frankfurt durch Praktika die hausärztliche Tätigkeit auf dem Land kennenlernen. Ein Versuch, „Lust aufs Land“ zu machen.

Den öffentlichen Nahverkehr in Fulda bemängelte ein MS-betroffener Zuschauer, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Er wäre gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen, was aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit nicht möglich war. So habe er auf den Fahrdienst der DMSG Hessen zurückgreifen müssen. Bernd Crusius verwies daraufhin auf eine App, die von der Hochschule Fresenius geplant werde und im Raum Frankfurt starten solle. Diese richte sich an Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und solle aufzeigen, wie man von A nach B kommt, welche Verkehrsmittel und öffentliche Einrichtungen barrierefrei sind.

Wie die Barrierefreiheit in einer Arztpraxis überprüft werde, wollte ein Zuschauer wissen. Es gäbe Richtlinien für Arztpraxen, erklärte Schmitt. In der Realität würde die Stadt jedoch Neurologen nicht zu sehr unter Druck setzen, um kein Risiko einzugehen, eine wichtige Arztpraxis zu verlieren.

Von Moderatorin Dettke auf ihre Wünsche hin befragt, war sich Tanja Stadler schnell klar: Barrierefreiheit und Mobilität müssten verbessert werden und MS-Patienten sollten schneller einen Termin beim Neurologen bekommen. Stefan Specht pflichtete ihr bei: „Wir sind die Hausärzte der MS-Betroffenen. Wir müssen Termine möglich machen.“

Das Stichwort „Telemedizin“ in Ergänzung zur persönlichen Vor-Ort-Beratung brachte Bernd Crusius ins Spiel. Noch fehle vielerorts die digitale Infrastruktur, doch müsse man auch neue Beratungsarten mitdenken. „Eine schöne Möglichkeit, mit dem Patienten Kontakt aufzunehmen“, nannte Klitsch die Videobeobachtung. Seit zehn Jahren nutze er diese Art der Kommunikation bei Parkinson-Patienten. Ziel sei es, stationäre Aufenthalte zu verhindern. Über den Bildschirm fehle allerdings die nonverbale Interaktion, sagte Klitsch. Sein größter Wunsch: Mehr Zeit für den MS-Patienten zu haben, damit die sprechende Medizin nicht verloren gehe.

Im Anschluss an die lebhafte Podiumsdiskussion nutzen die Gäste die Gelegenheit, sich auszutauschen, mit den Experten ins Gespräch zu kommen und sich am Infostand der DMSG Hessen zu informieren. Ein herzlicher Dank geht an die BARMER für die finanzielle Unterstützung der Veranstaltung. Caroline Bleschke