Positive Berichte über den therapeutischen Nutzen von Sonnenlicht (Heliotherapie) und anderer Lichtquellen finden sich verbreitet im Internet, in Zeitschriften und in der medizinischen Fachpresse. Meist wird ein Zusammenhang mit der Vitamin D-Versorgung hergestellt. Im Folgenden fasse ich zusammen, wo-her diese Ansätze kommen und wie der Stand der Erkenntnisse im Zusammenhang mit der MS, ihren Symptomen und häufigen Begleiterkrankungen ist.

Historischer Hintergrund: Seit Jahrtausenden kennt man die therapeutische Anwendung von Sonnenlicht. Schon in der Antike wurde eine Sonnen-Meeres-Klimatherapie eingesetzt. Dabei wirken direkter Salzwasserkontakt, die eingeatmeten Aerosole des Salzwassers sowie die UV- und Wärmestrahlung der Sonne zusammen. In der Neuzeit ging die Industrialisierung und Urbanisierung für viele Menschen mit „licht-armen“ Verhältnissen einher durch lange Arbeitszeiten in Fabriken und Bergwerken, hohe Luftverschmutzung und enge Hinterhöfe. Ab dem späten 19. Jahrhundert entstanden gegenläufige Bewegungen, die Licht und Naturverbundenheit suchten, wie die Lebensreformbewegung oder die Naturfreunde. Schrebergärten, Wandervereine, Freikörperkultur (FKK) und Licht- und Luftbäder wurden in der Folge eingerichtet.

Der Massentourismus in den Süden, die Verbreitung von Sonnenstudios und die Migration hellhäutiger Menschen in Gebiete mit hoher Sonneneinstrahlung führte dazu, dass zunehmend akute und chronische Schäden durch Sonnenlicht an der Haut (vorzeitige Hautalterung bis zu Tumoren wie dem Melanom) und an den Augen auffielen. Häufige, langanhaltende und intensive UV-Bestrahlungen sowie Sonnenbrände über-forderten die Reparatursysteme des Körpers.

Lichtquelle

Verbreitete Anwendung

Anwendung bei MS?

Weißes fluoreszierendes Licht, bei dem UV herausgefiltert wird und das Lichtintensitäten größer als 2.500 Lux erzeugt

Winterdepression / saisonale Depression

Evtl. bei Fatigue. Nutzen nicht gesichert, weitere Studien erforderlich

Mittelwelliges UV-Licht (UV-B 280–320nm) und langwelliges UV-Licht (UV-A 320–400nm)

Psoriasis / Neurodermitis

Evtl. in Kombination mit Vitamin D. Zusatznutzen zu Sonnenlicht nicht erwiesen

UV-B-Licht in Solarien

Hauttönung und Wellness

Evtl. in Kombination mit Vitamin D. Zusatznutzen zu Sonnenlicht nicht erwiesen, Risiken beachten!

Rotlicht zur Wärmeerzeugung

Linderung von Muskelschmerzen und Verspannungen

Lokale Wärme bei Spastik und Schmerzen, soweit individuell hilfreich. Ganzkörperrotlicht erhöht die Körpertemperatur und verstärkt ggf. die Symptome

Blaulicht zur Erzeugung eines photochemischen Prozesses

Behandlung oder zur Vorbeugung der Neugeborenen-Gelbsucht

Keine Anwendung

Sonnenlicht (= Vollspektrumlicht)

Förderung des Wohlbefindens, Hauttönung – aber auch viele Risiken und Schäden

Im Winter. Im hohen Norden.
Siehe unten, Risiken abwägen.

Multiple Sklerose und Vitamin D

Zum Nutzen und Schaden des Sonnenlichts sind die Positionen in der Wissenschaft noch recht einhellig. Beim Thema Vitamin D gehen die Meinungen dagegen weit auseinander. Daher wird im Folgenden die aktuelle Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zur Multiplen Sklerose aus Mai 2021, der eine langer Diskussionsprozess voranging, als wesentliche Orientierung herangezogen.

Unter Vitamin D versteht man eine Gruppe fettlöslicher Steroide. Physiologisch wird unter Lichteinfluss Calciol (Vitamin D3) in der Haut gebildet und in der Niere in das aktive Hormon Calcitriol umgewandelt. Dieses ist in erster Linie an der Regulation des Knochenstoffwechsels beteiligt. Die individuelle Vitamin-D-Versorgung lässt sich anhand des Calcidiol-Spiegels im Blut überprüfen, der bei gesunden Erwachsenen mehr als 30 nmol/l betragen sollte.

Bei Patienten mit Multipler Sklerose sollte der Vitamin-D-Spiegel regelmäßig überprüft werden. Besteht ein Mangel, sollte dieser ausgeglichen werden, zum Beispiel durch medikamentöse Supplementation. Ob die Laborbestimmung und die Substitution Leistung der Krankenkassen ist wird uneinheitlich gehandhabt.

Nur ein kleiner Teil des Vitamin D-Bedarfs wird über die Ernährung gedeckt, der überwiegende Teil entsteht in der Haut. Die Empfehlungen zur notwendigen täglichen Zufuhr werden bis heute diskutiert. Klar ist jedoch, dass Vitamin D in hohen Dosen schädlich oder sogar toxisch sein kann. Eine dauerhafte Zufuhr von 4.000 IE bis zu 10.000 IE Vitamin D3 täglich gilt für Erwachsene als sicher (Anm.: unter Laborkontrolle!). Bei langfristig verabreichten deutlich höheren Dosen drohen durch erhöhten Calciumspiegel Nierenschäden und Osteoporose. Daher sind Risiken durch das – trotz fehlender Studien zur Wirksamkeit – seit einigen Jahren propagierte „Coimbra-Protokoll“, bei dem Vitamin D3 anhand des Parathormon-Spiegels auf Tagesdosen von bis zu 60.000 IE titriert wird, nicht auszuschließen. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Vitamin D-Dosierungen, die zu einer Erhöhung des Calciums im Blut führen, entzündungsfördernde und somit negative Effekte auf Autoimmunerkrankungen haben können.

Bei Studien muss zwischen den Zielen der Prophylaxe der MS und der Therapie einer bestehenden MS unterschieden werden. Epidemiologische Studien zeigen ein häufigeres Auftreten der MS in Breitengraden mit geringerer Sonnenlichtexposition. Dieses Phänomen ist zumindest zum Teil durch Vitamin D vermittelt. Unter hellhäutigen Menschen ist das Risiko, an MS zu erkranken bei niedrigen Vitamin D-Spiegeln erhöht, wobei nicht klar ist, ob dies auf Lebensphasen wie das Heranwachsen beschränkt ist.

Es gibt Hinweise, dass der Vitamin D-Spiegel auch einen Einfluss auf Krankheitsschwere und -verlauf der Multiplen Sklerose haben könnte. Nach der Leitlinie kann daher bei PatientInnen mit MS und normalen Vitamin D-Spiegeln eine Vitamin D-Supplementation erwogen werden. Eine Selbstmedikation sollte allenfalls in niedriger Dosierung erfolgen. Allerdings ist ein positiver Effekt dieser Behandlung nicht bewiesen.

Weitere Aspekte, die man bei den Themen Sonnenlicht und Vitamin D bei MS beachten sollte:

– Erhöhtes Osteoporoserisiko für Frauen

– Erhöhtes Frakturrisiko durch Stürze bei fortgeschrittener MS

– Eingeschränkte Aktivität und Mobilität, oft verbunden mit Leben in geschlossenen Räumen

– Bei vielen Betroffenen häufigere Cortisonpulstherapien

– Hitzeempfindlichkeit mit Verstärkung der Symptome bei Wärme (Uhthoff-Phänomen) dürfte nur im Sommer, wenn Sonnen generell nicht ratsam ist, eine Rolle spielen

Schlussfolgerungen für die Praxis: Gründe für gemäßigtes Sonnen im Spätherbst und Winter sind ein positiver Einfluss auf die Stimmung, und es ist günstig für die Aktivität und für den Vitamin D-Stoffwechsel. Aber es gibt auch Gründe für besondere Vorsicht bei hellem Hauttyp und bei Einnahme licht-sensibilisierender Arzneimittel (manche Antirheumatika und Antidepressiva, u.a.). Zu wenig Sonnenlicht bzw. UV-B führt zu einer mangelhaften Vitamin D-Produktion, was mit einen erhöhten Risiko, an MS zu erkranken, in Verbindung gebracht wurde. Allerdings ist weiter unklar, ob Sonnenlicht und Vitamin D-Spiegel das Voranschreiten der Krankheit und den Schweregrad der MS beeinflussen. Es spricht einiges dafür, in Jahreszeiten mit niedrigem UV-Index, also in Deutschland von Oktober bis März, je nach Hauttyp für 5 bis 25 Minuten/Tag Sonnenlicht zu suchen, und dabei ausreichend Haut (Gesicht, Arme, Hände, Beine) freizulassen.

 

Dr. med.Christoph Kreck

Weitere Informationen:

Empfehlungen der Bundesanstalt für Risikobewertung (BfR) zu UV-Strahlung und Vitamin D https://www.bfs.de/DE/themen/opt/uv/wirkung/akut/empfehlung-vitamin-d.html und https://www.bfs.de/DE/themen/opt/uv/wirkung/akut/vitamin-d.html ;

Vitamin D: Einnahme hochdosierter Nahrungsergänzungsmittel unnötig. Stellungnahme Nr. 035/2020 des BfR vom 31. Juli 2020 (pdf-Dokument, zu finden über Suchmaschinen wie google)

FAQ Vitamin D Schützt Sonne genug vor Vitamin-D-Mangel? 22.03.2021 .https://www.test.de/FAQ-Vitamin-D-4677625-0/#question-8

MS-Atlas: Weltweite Verbreitung der MS https://www.msges.at/multiple-sklerose/entstehung/weltweite-verbreitung-der-ms/

Leitlinie der DGN zur Diagnose und Therapie der MS, 2021 https://dgn.org/leitlinien/ll-030-050-diagnose-und-therapie-der-multiplen-sklerose-neuromyelitis-optica-spektrum-erkrankungen-und-mog-igg-assoziierten-erkrankungen/

Weiterer Artikel der Schweizerischen MS-Gesellschaft:
https://www.multiplesklerose.ch/de/aktuelles/detail/risikofaktoren-vitamin-d-mangel-und-breitengrad/