„Chronische Krankheit & Beruf – Widerspruch oder Chance?“: So lautete die Fragestellung des Experten-Online-Forums der DMSG Hessen, an dem 32 Führungskräfte, Mitarbeiter in der Personalentwicklung oder in leitender Funktion etwa aus dem hessischen Sozialministerium, der Stabstelle Inklusion der Stadt Frankfurt sowie andere Interessierte teilnahmen. Die stellvertretende Vorsitzende der DMSG Hessen, Alexandra Burchard von Kalnein, führte durch die gut 1,5-stündige Videokonferenz, die in dieser Form eine Premiere für die DMSG Hessen war.

Als Experten gaben Prof. Dr. med. Uta Meyding-Lamadé (Chefärztin Neurologie im Krankenhaus Nordwest und Vorsitzende  Ärztlicher Beirat DMSG Hessen), Monika Dettke (Leiterin Soziale Dienste DMSG Hessen) und die MS-betroffene Unternehmensberaterin Sabine Mühlhaus-Liebich, die zudem Expertin für Disability  Management (CDMP) ist, in ihren pointierten Vorträgen aufschlussreiche und für den Austausch weiterführende Impulse.

Anhand von Beispielen aus ihrem jeweiligen beruflichen Alltag warben die drei Expertinnen dafür, Chronisch-Kranke und Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, deren Talente und Fähigkeiten zu nutzen und sie dadurch als für den Betrieb und das Team als bereichernd und stärkend wahrzunehmen.

Prof. Uta Meyding-Lamadé berichtete von einer Patientin aus ihrer Sprechstunde. Eine junge Frau, „die mitten im prallen Leben steht“, kürzlich die MS-Diagnose erhalten hat und jetzt wissen wollte, was das für ihre Zukunftspläne bedeutet: Karriere? Partnerschaft? Kinderwunsch? Auch wenn der Krankheitsverlauf von Patient zu Patient verschieden ist, stünden heute zahlreiche medikamentöse Therapien zur Verfügung, die den Verlauf günstig beeinflussen können. „Viele bleiben voll berufsfähig. MS damit gleichzusetzen, irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, stimmt im Allgemeinen heute so nicht mehr“, betonte die Neurologin. Viele MS-Betroffene leiden beispielsweise unter „Fatigue“, ein abnormes Müdigkeitssyndrom. „Hier ist es hilfreich, einem Beschäftigten während des Arbeitstages Ruhepausen zu ermöglichen.“ Digitale Angebote wie „Tele-Sprechstunden“ schaffen mehr Flexibilität, von denen berufstätige MS-Patienten profitieren können, ebenso das Arbeiten im „Homeoffice“.

Sabine Mühlhaus-Liebich, selbständige Unternehmensberaterin und selbst MS-Betroffene, coacht als Expertin für Disability Management auch Mitarbeiter in leitenden Positionen, die ein Handicap oder eine chronische Krankheit haben. Sie begleitet diese unter anderem bei deren Wiedereingliederung nach einer krankheitsbedingten Auszeit. „Was sich viele nicht bewusst machen wollen, ist, auch Führungskräfte können krank werden. Sie sind nicht Superman oder Superwoman“, betonte Mühlhaus-Liebich in der Videokonferenz. Burnout, eine schwere Krebs- oder andere Erkrankung wie MS kann jeden treffen. Handicap und Krankheit müssen einen erfüllenden und erfolgreichen Berufsweg nicht ausschließen, aber es gelte, viele in der Arbeitswelt verfestigte Bilder aufzubrechen. „Das ist oft schwer“, sagte die Coachin: „Ich möchte Mut machen, Menschen mit Handicap zu beschäftigen. Sie sind leistungsfähig, eventuell muss die Arbeit nur anders organisiert werden.“ Daher hat sich sie auf das „Case-Management von kranken Führungskräften“ spezialisiert und begleitet sie kompetent und diskret bei ihrem Weg zurück in die Arbeit: „Sie begegnen mir auf Augenhöhe, von Chef zu Chef.“

Gerade für Menschen in leitender Position sei es dabei wichtig zu lernen, „um Hilfe und Unterstützung zu bitten“. Das verdeutlichte die Beraterin an einem aktuellen Fall: ein jüngerer Mitarbeiter, Führungskraft, beruflich gefordert mit einem zweijährigen Sohn und dabei, sein Haus umzubauen. Mitten hinein platzt ein schwerer Bandscheibenvorfall. Bloß keine Schwäche zeigen, war für den jungen Mann zunächst die Devise.

Coach Mühlhaus-Liebich machte ihm bewusst, so könne es nicht weitergehen und zeigte ihm Handlungsoptionen auf: das Büro mit passenden Hilfsmitteln ausstatten, Stress abbauen, „zu lernen, im Privaten um Hilfe zu bitten. Und schließlich akzeptierte er auch eine Reha, die er anfangs total abgelehnt hatte“. Zu akzeptieren, ein Handicap nicht als Schwäche auszulegen, „bereichert seine Fähigkeiten als Führungskraft“, betonte die Expertin.

Welche Hilfen berufstätigen MS-Betroffenen zur Verfügung stehen, ist eines der Kernthemen in der Beratung der DMSG Hessen. Über diesen Bereich informierte Monika Dettke, Leiterin Soziale Dienste, in der Videokonferenz: „Unser Anliegen ist es, die Leistungsfähigkeit der Menschen zu erhalten, damit sie möglichst lange im Beruf bleiben.“ Bei kognitiven Problemen sei es hilfreich den Arbeitstag so zu strukturieren, damit sich der Körper ausruhen und wieder Energie tanken kann. Zudem hilft die DMSG Hessen „als Wegweiser im Dschungel der Zuständigkeiten“, wenn es etwa um Fragen zu technischen Hilfsmitteln, Beschäftigungssicherungszuschüssen oder zur (Teil)-Verrentung geht. Auch Monika Dettke veranschaulichte dies an einem konkreten Beispiel des MS-betroffenen Herrn G., der energiegeladen in den Tag startet, aber nach einigen Arbeitsstunden einen erheblichen Leistungsabfall hat. „Unsichtbare Symptome wie Fatigue und Schwindel belasteten ihn sehr, aber ein Schwerbehindertenausweis war für ihn abschreckend“. Welche Optionen er ansonsten hat, war Thema der sozialrechtlichen Beratung. Hier konnten in Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsbeauftragten aus seiner Firma flexiblere Arbeitszeiten mit Pausen vereinbart werden. Später stellte der Ratsuchende noch einen Antrag auf Teilerwerbsminderungsrente.

„Pausen einlegen, Kräfte einteilen. Das muss der Verhaltenskodex für MS-Betroffene im Beruf sein“, betonte Prof. Meyding-Lamadé im abschließenden Austausch: „Angesichts des zu erwartenden Fachkräftemangel kann unsere Wirtschaft auf gut ausgebildet Frauen und Männer nicht verzichten, auch wenn sie ein Handicap haben. Arbeitgeber und Vorgesetzte müssen sich eben auf deren Bedürfnisse einstellen. Aber das kommt schließlich dem ganzen Betrieb zugute.“ Dem stimmte Monika Dettke zu: „Eine faire Führung als Vorgesetzter fördert die Teamfähigkeit und damit die Integration.“ Über das gelungene Online-Experten-Forum zeigte sich auch Alexandra Burchard von Kalnein hoch erfreut.

Für die zweite Vorsitzende der DMSG Hessen bildete diese Videokonferenz, die ursprünglich als Präsenzveranstaltung geplant war, aber corona-bedingt in den virtuellen Raum verlegt worden war, den Auftakt zu weiteren digitalen Experten-Talks: „Die Botschaft von nicht nur einer aktiven und erfolgreichen Mitarbeit, sondern auch der Führungsfunktion durch chronisch kranke Mitarbeiter in immer mehr Betrieben muss gehört werden.“ Sonja Thelen