31.07.2014 – In den vergangenen Monaten wurden einige neue Präparate zugelassen. Wir liefern eine Übersicht über neue Medikamente zur verlaufsmodifizierenden Therapie bei Multipler Sklerose (MS).

Dank unterschiedlicher Präparate kann die Behandlung von MS zusehends individueller gestaltet werden. Foto: Andrea Damm/Pixelio

Dank unterschiedlicher Präparate kann die Behandlung von MS zusehends individueller gestaltet werden. Foto: Andrea Damm/Pixelio

Seit Herbst sind drei weitere Medikamente zur Behandlung der schubförmigen MS zugelassen worden, die wir in der Übersicht kurz vorstellen. Teriflunomid und Dimethylfumarat als orale Basistherapeutika sowie Alemtuzumab als Infusion bei aktiven Verläufen. Damit stehen mittlerweile ganz unterschiedliche Präparate in Bezug auf die Verabreichung, den Wirkmechanismus und das Nebenwirkungsprofil zur Verfügung. In die Therapieentscheidung fließen etwa persönliche Lebensumstände, Begleiterkrankungen, Lebensplanung, Kinderwunsch, mit ein, so dass die Behandlung immer individueller gestaltet werden kann.
Grundsätzlich sollte vor Beginn der Therapie genug Zeit für eine ausführliche Aufklärung inklusive der potentiellen Nebenwirkungen und den notwendigen Verlaufsuntersuchungen (neurologische Untersuchung, Labortests, MRT) investiert werden.

Teriflunomid (Handelsname Aubagio)

Die zweite MS-Tablette ist seit Oktober 2013 auf dem deutschen Markt zugelassen und wird in der Dosierung von 14mg einmal täglich eingenommen.
Teriflunomid wird als selektives Immunsuppressivum bezeichnet. Das bedeutet, dass das Medikament aktivierte T- und B-Lymphozyten (weiße Blutkörperchen) unterdrückt, andere Funktionen des Immunsystems aber erhalten bleiben. In den durchgeführten Zulassungsstudien gegen Placebo konnte gezeigt werden, dass Teriflunomid das relative Risiko für neue Schübe reduziert, das Fortschreiten der körperlichen Behinderung verlangsamt sowie die Anzahl von Hirnläsionen im MRT reduziert. Die Wirksamkeit ist in etwa vergleichbar mit den Interferonen/ Glatiramerazetat. Es ist ein Abkömmling des Präparates Leflunomid, das aus der Therapie rheumatischer Erkrankungen bekannt ist.
Teriflunomid ist zur Behandlung der schubförmigen MS zugelassen und kann ab der Diagnosestellung eingesetzt werden. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Magen-/Darmbeschwerden, ein Anstieg der Leberwerte, zu Beginn der Behandlung eine Haarausdünnung. Selten kann es zu erhöhtem Blutdruck und einer Polyneuropathie kommen. Da das Präparat im Tierexperiment eine fruchtschädigende Wirkung hatte, wird zu einer sicheren Verhütung geraten. Falls doch eine Schwangerschaft eintreten sollte, kann das Medikament mit Aktivkohle beschleunigt aus dem Körper entfernt werden.

Dimethylfumarat (Handelsname Tecfidera)

Dimethylfumarat wurde im Februar 2014 auch in Deutschland zur oralen Monotherapie der schubförmig verlaufenden MS zugelassen. Der genaue Wirkungsmechanismus ist nicht bekannt. Dimethylfumarat scheint zu einer Hochregulation antioxidativer (zellschützender) Gene zu führen. Auch wurden immunmodulatorische und entzündungshemmende Wirkungen in klinischen und präklinischen Studien nachgewiesen. Dimethylfumarat wurde vor der Zulassung in zwei klinischen Studien bei Patienten mit Multipler Sklerose im Vergleich zu Placebo untersucht. Es konnten ein Rückgang der Schubrate, eine Verminderung neu auftretender entzündlicher Läsionen im MRT sowie eine Verzögerung der neurologischen Verschlechterung nachgewiesen werden. Einen wissenschaftlich zulässigen Vergleich mit anderen MS-Medikamenten lassen die derzeitigen Studien nicht zu.
Die häufigsten unerwünschten Wirkungen sind gastrointestinale (Magen-Darm-System) Nebenwirkungen wie Diarrhoe, Übelkeit und Bauchschmerzen sowie eine „Flush-Symptomatik“ mit Hitzegefühl und Hautrötung. Diese Nebenwirkungen treten vor allem im ersten Behandlungsmonat auf und nehmen dann ab. Das Medikament wird eindosiert (1. Woche 2x120mg, danach 2x240mg/ Tag). Durch die Einnahme beim Essen werden die Nebenwirkungen reduziert. Da eine Abnahme der Lymphozyten auftreten kann, müssen vor Behandlungsbeginn und im -verlauf das Blutbild kontrolliert sowie die Leberwerte überwacht werden. Nach Expertenmeinung wird derzeitig empfohlen, Dimethylfumarat bei Eintreten der Schwangerschaft abzusetzen. Eine Einnahme während der Schwangerschaft sowie Stillzeit sollte nicht erfolgen.

Die Behandlung mit Alemtuzumab wird als Infusion verabreicht. Foto: Nico Lehe/Pixelio

Die Behandlung mit Alemtuzumab wird als Infusion verabreicht. Foto: Nico Lehe/Pixelio

Alemtuzumab (Handelsname Lemtrada)

Der Wirkstoff gehört zur Gruppe der humanisierten monoklonalen Antikörper und wird gentechnologisch hergestellt. Es handelt sich um einen zytotoxischen, das heißt zellschädigenden Wirkstoff, der Zellen mit einer bestimmten Oberflächenmarkierung (CD 52) erkennt und diese zerstört. Dadurch kommt es vor allem zu einer Abnahme der T- und B-Lymphozyten (weißen Blutkörperchen) im Blut, die über mehrere Monate anhält. Vor der Zulassung für die MS wurde das Medikament bereits zur Behandlung von Leukämie eingesetzt.
Das Präparat wird als Infusion mit 12mg Wirkstoff verabreicht. Das Behandlungsschema besteht aus zwei Abschnitten. Im ersten Jahr wird der Wirkstoff an fünf aufeinanderfolgenden Tagen als intravenöse Infusion gegeben (12mg/ Tag). Zwölf Monate später erhält der Patient das Medikament an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Ob nach dem zweiten Jahr oder zu einem späteren Zeitpunkt eine erneute Behandlung sinnvoll ist, richtet sich nach dem klinischen Verlauf (Schubaktivität) sowie den Blutwerten und wird individuell entschieden.
In klinischen Studien wurde das Präparat gegen Interferon beta 1a (Rebif 44microg) getestet. Bei Patienten mit aktiven Verläufen (> 1 schwerer Schub/Jahr) zeigte es sich wirkungsvoller als die Basistherapie mit Interferon beta. Die Schubrate, Behinderungsprogression und MRT-Aktivität konnte deutlich reduziert werden. Allerdings kommt es innerhalb von fünf Jahren nach Beginn der Therapie bei bis zu 30 Prozent der Patienten zu Autoimmunerkrankungen, die meist die Schilddrüse betreffen und zu einer Unter- oder Überfunktion führen können. Diese Komplikation ist medikamentös behandelbar. In seltenen Fällen kann sich auch das Immunsystem gegen die Niere oder weißen Blutplättchen richten. Um diese Nebenwirkungen rechtzeitig zu erkennen, sind regelmäßige Blutuntersuchungen notwendig. Auch bei dieser Therapie ist auf eine sichere Verhütung zu achten. Da bei vielen Patienten infusionsbedingte Reaktionen auftreten und die Infusion mehrere Stunden dauert, sollte nach unserer Meinung die Verabreichung am besten stationär erfolgen. Aufgrund der Risiko-/Nutzenabwägung ist das Präparat nach derzeitiger Expertenmeinung für schwerere und aktive MS-Verläufe vorgesehen.

Zusammenfassung:
Glücklicherweise stehen mittlerweile für die schubförmige MS vielfältige Behandlungsoptionen zur Verfügung. Aufgrund der komplexeren Entscheidungsfindung und teilweise notwendigen Überwachungsmaßnahmen gibt es immer mehr MS-Schwerpunktpraxen und spezialisierte Ambulanzen, die über die notwendigen Kenntnisse und Ausstattung verfügen.

Prof. Uta Meyding-Lamadé, Dr. Christian Jacobi, Dr. Corinna Schranz