MS-Gruppen im Gespräch
Sylvia Buxmann interviewte Mitarbeiter der MS-Gruppe Wetterau
Heute stellen wir Ihnen die Selbsthilfegruppe Wetterau vor, eine der "ältesten" MS-Gruppen im Landesverband. Gesprächspartner sind Elisabeth Kappes, Helmut Schmidt und Gerti Homann, die als Gründerin der Gruppe immer noch aktiv dabei ist.
dabei: Frau Homann, was hat Sie dazu bewegt, vor nunmehr 23 Jahren eine MS-Gruppe zu gründen?

Homann: Hilfe zur Selbsthilfe war Ende der 70er Jahre eine faszinierende Idee. Ich habe mich sehr dafür interessiert und wollte auch als MS-Betroffene selbst aktiv bleiben, meine Belange selbst managen. Ich wollte dies aber nicht alleine tun, sondern im Austausch mit Gleichbetroffenen. Und ich fand diesen Kreis in der DMSG.
dabei: 1980 lud Frau Lippert, damals noch Mitarbeiterin des Bundesverbandes, MS-Betroffene zu einem Gespräch ein. Das Ergebnis dieser kleinen Runde war u. a. die Selbsthilfegruppe Wetterau.
Homann: Ja, und zwei Monate später wurde der LV Hessen gegründet. Zu unserem ersten Gruppentreffen kamen nur wenige. Doch mit jedem weiteren Termin stießen „Neue“ zu uns. Manche kamen ein- oder zweimal und dann gar nicht mehr. Andere blieben und sind noch heute dabei. Wir trafen uns – wie heute noch – einmal monatlich. Unser Einzugsbereich war schon immer sehr groß, deshalb wurden die Fahrtkosten aus der Gruppenkasse finanziert.
Schmidt: Und das ist heute noch so.
dabei: Gab es neben den regelmäßigen Gruppentreffen weitere Angebote für die Mitglieder?
Kappes: Ja, wir organisierten Therapiekurse z.B. Schwimmen oder Ergotherapie und gingen regelmäßig zum Kegeln. Jeder so, wie er wollte. Wir waren selbst noch jünger, hatten schulpflichtige Kinder und standen im Berufsleben. Von unseren mehr als 20 Mitgliedern waren nur zwei Betroffene auf den Rollstuhl angewiesen, heute sind die Zahlen fast umgekehrt.
dabei: Welchen Anspruch haben Sie als MS-Gruppe?
Homann: Unser Anliegen war und ist es, auf die Belange behinderter Menschen, insbesondere der MS-Erkrankten, aufmerksam zu machen. Wir besuchten Basare, Weihnachtsmärkte mit Infoständen und verkauften kleine Geschenkartikel, die wir in der Gruppe gebastelt hatten. Wir hatten gute Kontakte zur örtlichen Presse und hielten regen Kontakt zu den unterschiedlichen Vereinen, z. B. den Landfrauen oder dem Sontra-Club.
So wurden wir gehört und erhielten Unterstützung und Hilfe bei all unseren Aktivitäten. Mit den eingehenden Spenden organisierten wir Ausflüge, Theaterbesuche, therapeutische Gruppenangebote, Vorträge und einmal jährlich eine mehrtägige Behindertenfreizeit. Die gemeinsamen Erlebnisse haben uns zusammenwachsen lassen.
dabei: Das war doch sicher nur durch das Engagement möglichst vieler Gruppenmitglieder machbar?
Kappes: Ja. Anfänglich war Gerti Homann die einzige Ansprechperson in der Gruppe. Dies änderte sich aber recht schnell. Auf Initiative des Landesverbandes bildeten wir in unserer Gruppe ein Leitungsteam, das sich den Aufgaben gemeinsam annahm. Gerti blieb die Koordinatorin, die Seele von allem. Bei ihr liefen alle Fäden zusammen. Schmidt: Heute haben wir ein Team von fünf Personen. Wir treffen uns regelmäßig, um die Wünsche der Gruppenmitglieder, aber auch Probleme im Gruppenalltag zu diskutieren, Aufgaben zu verteilen und Rückmeldung einzuholen.
dabei: Gibt es Probleme in der MS-Gruppe Wetterau?
Kappes: Wir sind innerhalb der letzten 20 Jahre gemeinsam älter und schwächer geworden – die Gruppenmitglieder wie auch die Helferinnen und Helfer. Das ist auf der einen Seite schön, denn es hat uns über die vielen Jahre hinweg vertrauter werden lassen und persönlich näher gebracht. Auf der anderen Seite sind wir mit zunehmendem Alter und Krankheitsverschlechterung gebrechlicher geworden und auf mehr Hilfe und Unterstützung angewiesen. Wir sind nicht mehr so aktiv wie in den rückliegenden Jahren. In unserer Gruppe verlieren wir immer mehr an Lebendigkeit. Das bedrückt uns. Damit es in unserer Gruppe nicht zum Stillstand kommt, müssen wir mehr junge Menschen einbinden. Hier haben wir ein großes Problem, ein Generationenproblem.
Jüngere MS-Betroffene – mit weniger Einschränkungen und altersbedingt unterschiedlichen Interessen, Ideen und Erwartungen – fühlen sich in unserer Mitte nicht so wohl. Sie kommen einmal und bleiben weg.
dabei: Gibt es einen Weg aus diesem Dilemma?
Homann: Das Thema Überalterung ist nicht nur ein Problem der Wetterauer Gruppe. Der Generationenwechsel tritt in allen „älteren“ Gruppen auf, mal mehr – mal weniger deutlich. Um aber als Gruppe weiter bestehen zu bleiben, müssen wir jüngere Menschen ansprechen und an die Gruppe heranführen. Wir Wetterauer haben dem Problem ins Auge geschaut und einen Stammtisch für Neubetroffene und jüngere berufstätige MS-Betroffene eingerichtet.
Damit haben wir den jüngeren MS-Betroffenen ein Forum zum Austausch, zur Information und zum geselligen unverbindlichen Miteinander gegeben. Der Stammtisch wurde gut angenommen. Zu den monatlichen Treffen kommen ca. 15 – 20 Personen. Die Stammtischler sehen ihren Treff als ein eigenständiges Angebot, legen aber Wert darauf, Teil der Wetterauer Gruppe zu sein.
Schmidt: Es gibt nicht nur Trennendes zwischen „Alt“ und „Jung“. Zu den Info-Vorträgen, den Ausflügen und dem jährlichen Sommerfest sind alle eingeladen. Hier begegnen wir uns, nehmen Kontakte auf, die sich im Laufe der Zeit verfestigen. Und damit haben wir, die Wetterauer MS-Gruppe, wieder eine Zukunft.
dabei: Eine gelungene Lösung für die Bedürfnisse aller MS-Kranken der Region. Ich danke Ihnen für das Gespräch. |