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MS beeinflussen mit Ernährung?!, Dr. H. Braunewell, 11.11.03
Protokoll der Fragen und Antworten aus dem ExpertenChat mit Dr. Heidi Braunewell.

Moderator Doris Althofen: Guten Abend und herzlich willkommen zu unserem Chat mit Frau Dr. Braunewell. Sie haben nun Gelegenheit Ihre Fragen an unsere Expertin zu stellen. Unser Chat wird bis 20.15 Uhr geöffnet sein. Frau Dr. Braunewell möchte ich an dieser Stelle ebenfalls begrüßen und mich für Ihre Teilnahme bedanken. Wir freuen uns nun auf Ihre Beiträge.

Claudia Wagner: Halten Sie Nahrungsergänzungsmittel für sinnvoll?

Heidi Braunewell
Dr. Heidi Braunewell:
Nahrungsergänzungen können sehr sinnvoll sein. Besonders entzündungshemmende Nahrungsbestandteile wie Omega-3-Fettsäuren, Vitamin E und Selen können oft nicht in der nötigen Menge gegessen werden. Für Omega-3-FS benötigen Sie etwa 2-3 Portionen Seefisch in der Woche, 200 mg Vitamin E wären nur mit einer nicht magenverträglichen Menge Weizenkeimöls zu essen und unser Getreide enthält aufgrund der Selenarmut der Böden nur Spuren von Selen. 50-100 Mikrigramm bekommt man so gut wie nicht hin. Alternativ zu Kapseln gibt es mit Omega-3-FS angereicherte Margarine oder Orangensaft, die ein Viertel bis die Hälfte des Tagesbedarfs von 0,4 g decken können. Weizenkeime enthalten in 4 Esslöffeln zwar auch nicht 200 mg Vit. E, ergänzen dafür auch mit anderen wichtigen Vitalstoffen. Selen ist meines Wissens nur über Nahrungsergänzung machbar, das "lebensmittelähnlichste" ist Selenhefe in Tablettenform.

witti: Was halten Sie von der Theorie von Hebener mit der Linolsäure?

Dr. Heidi Braunewell: Linolsäure sollte auf 10g/Tag beschränkt bleiben, das sind etwa 1-2 Esslöffel Distel- oder Sonnenblumenöl. Zu viel Linolsäure fördert die Umwandlung von Nahrungsfetten zur entzündungsfördernden Arachidonsäure. Als "Gegenspieler" treten Gamma-Linolensäure (Nachtkerzen- oder Borretschsamenöl-Kapseln) und Omega-3-Fettsäuren (beide etwa mit 0,4g/Tag) auf.

witti: Wirkt es sich ungünstig aus, wenn man öfters Fisch ist? Nützt auch Dosenfisch (z. B. Thunfisch oder Heringsfilets)?

Dr. Heidi Braunewell: Ganz im Gegenteil. Fisch, vor allem fetter Seefisch wie Hering, Lachs, Makrele, Thunfisch und auch Forelle, enthalten die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Zwei bis drei Fischmahlzeiten in der Woche sind ideal. Je nach Körpergewicht muss der Kaloriengehalt berücksichtigt werden, besonders beim Thunfisch in Öl...

Claudia Wagner: Danke schön und Entschuldigung dafür, dass ich sie nicht begrüßt habe. Aber ich bin zum ersten Mal hier dabei. Frage: Soll man dann die Nahrungsergänzungsmittel ständig zu sich nehmen oder nur bei spürbarer Verschlechterung, sprich Schub?

Dr. Heidi Braunewell: Oft ist eine dauerhafte Einnahme sinnvoll, dann in der halben Dosis oder mit Lebensmitteln, die diese Stoffe in größerer Menge enthalten, wie z.B. Weizenkeimöl, Weizenkeime, Hefeflocken (Vit. B), Sanddorn (Vit. C) und Fisch oder Leinsamen. Beim Schub dann die Dosis erhöhen bzw. verdoppeln, u.U. auch mehr.

Claudia Wagner: Frau Braunewell, angenommen, Sie hätten MS, worauf würden Sie bei Ihrer Ernährung achten?

Dr. Heidi Braunewell: Auf Lebensmittel mit einer sehr guten Qualität. Das bedeutet, so wenig Zusatzstoffe wie möglich, das heißt: Je kürzer die Zutatenliste, desto besser. Sehr gut sind frisches Obst und Gemüse, wenn's geht aus Bioanbau und schonend und frisch in der Küche verarbeitet. Also dünsten statt kochen. Gut verträgliche Vollkornprodukte, z.B. Dinkel- oder Grahambrot, Hirsepuffer statt Schweineschnitzel. (Schweine)fleisch und Wurst würde ich ganz stark einschränken und lieber leckere vegetarische Aufstriche auskundschaften. Insgesamt auf die tierischen Fette achten und (wenig) kaltgepresstes Pflanzenöl verwenden. Die tierischen Lebensmittel, die auf dem Speiseplan stehen, sollten reich an Kalzium und arm an Fett sein: 1,5%ige Milch, Käse mit unter 30% Fett i.Tr., Molke, 1,5% Jogurt, Buttermilch. Die Darmflora würde ich auf jeden Fall mit Ergänzungsmitteln unterstützen, also pre- und probiotischen Produkten, am besten ohne Zucker. Außerdem würde ich reichlich die verschiedensten Kräuter- und Früchtetees trinken, ab und zu mal Kaffee und hochwertige Obst- und Gemüsesäfte, verdünnt und evtl. mit einem Schuß Apfelessig verfeinert (Gemüsesäfte schmecken dann richtig spritzig!).

witti: Was halten Sie von Diäten bei MS? Sollte man auf irgendwelche Lebensmittel verzichten?

Dr. Heidi Braunewell: Ich denke, die Frage ist inzwischen beantwortet. Auf alle Fälle verzichten würde ich auf fettes Schweinefleisch (Bratwurst, Würste und Aufschnitte mit hohen Fettgehalten, Fettrand vom Schnitzel und Kotelett) und (Schweine)schmalz.

witti: Halten Sie eine Diät bei MS überhaupt für sinnvoll? (Klingt ja fast schon nach ja ;-)) Wenn ja, welche?

Dr. Heidi Braunewell: Ernährung spielt möglicherweise eine größere Rolle, als man bisher angenommen hat. Vor allem die Bedeutung der Darmflora auf immunabhängige Vorgänge wird häufig unterschätzt. Und die richtet sich nur nach unserem Essen. Die Ernährung bei MS habe ich als Antwort auf die vorangegangene Frage formuliert. Passt das so für Sie?

witti: Ja, passt.

Claudia Wagner: Nach Olaf Hebener sollten Nüsse weitgehenst gemieden werden. In anderen Vollwertdiäten stehen Nüsse aber sehr wohl auf dem Speiseplan. Was ist nun richtig?

Dr. Heidi Braunewell: Nüsse enthalten ca. 60% vollwertiges pflanzliches Fett. Da empfohlen wird, die Linolsäurezufuhr auf 10g/Tag zu reduzieren und diese Fettsäure ein Hauptbestandteil von Nüssen ist (über den Daumen gepeilt ca. 50%), sollte man seine Nüsse-Menge einfach mit einkalkulieren. Dann ist gegen das Nüsseknabbern überhaupt nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil: Walnüsse haben sogar einen beachtenswerten Anteil an Omega-3-Fettsäuren, ebenso das äußerst schmackhafte Walnussöl, das kaltgepresst und in optimaler Qualität ein hervorragendes Dressing für Feldsalat, aber auch als Dreingabe zu Obstsalat (1 EL/4Portionen) abgibt! Tipp: Kaufen Sie Walnüsse in der Schale. Da haben Sie länger was davon und sie essen in der gleichen Zeit weniger als bei fertig geknackten aus der Dose. Achten Sie darauf, dass sie aus der diesjährigen Ernte stammen und nicht vom letzten Jahr sind. Fragen Sie ruhig danach, die neuen sind frischer.

witti: Bleibt aber noch die Frage nach der Diätart? Leider blicke ich da noch überhaupt nicht durch. Ich habe was von Fratzer, Hebener gehört. Da ich auch Diabetes habe, hatte die Ernährungsumstellung erst mal Vorrang - jetzt soll es aber weitergehen, um auch meine MS zu verbessern.l

Dr. Heidi Braunewell: Ich nehme mal an, dass Ihre Diabetes Diät abzielt auf Kohlenhydrate, die mit Ballaststoffen kombiniert sind, Gemüse soviel sie wollen, Süßes wenig und am besten nach den Mahlzeiten, die 5-7 am Tag sein sollten. Damit liegen Sie schon ganz richtig. Bauen Sie noch 2 Fischmahlzeiten in der Woche ein, nehmen Sie Rapsöl und Walnussöl in Ihren Speiseplan auf, verwenden Sie ab und zu Sonnenblumen- oder Distelöl, dann liegen Sie schon ganz gut. Rapsöl können Sie auch mal mit Olivenöl abwechseln. Essen Sie häufiger vegetarische Aufstriche auf dem Brot statt Wurst und hauen Sie sich statt Schnitzel Alternativprodukte, z.B. "Wie Schnitzel" (Naturkostecke im Supermarkt, Reformhaus oder Naturkostladen) in die Pfanne. Grünkernbratlinge schmecken, gewürzt wie Frikadellen, genauso.

Claudia Wagner: Welche pre- oder probiotischen Produkte würden Sie vorschlagen?

Dr. Heidi Braunewell: Probiotische Produkte enthalten mindestens 1 Million lebensfähiger Keime pro Gramm. Solche Produkte sind z.B. Symbioflor 1 und 2 (Apotheke) oder Darmflora Plus und Sanuzella D (Reformhaus). Prebiotische Produkte enthalten Stoffe, die die Darmflora in ihrer Wirkung unterstützen, also Nährstoffe und Milieufördernde Substanzen. Das sind Inulin, Oligofructose, Milchzucker und Milchsäure. Letztere kommt in ihrer wirksamen, rechtsdrehenden Form (L(+)-Milchsäure) in Joghurt vor. Handelsüblicher Joghurt enthält unterschiedliche Mengen davon. Heirler-Sanoghurt (Reformhaus) enthält 90% bis zum MHD garantiert. Inulin bekommt man in Spinnrad-Filialen (so noch vorhanden) oder auch im Reformhaus. Milchzucker gibt es im Supermarkt (Marke Schneekoppe) oder in der Apotheke (Marke Edelweiß) und im Reformhaus (Fa. Heirler)

Moderator Doris Althofen: Hallo liebe Teilnehmerinnen, ich möchte Sie nun bitten, keine weiteren Fragen zu formulieren, da unsere Chatzeit schon fast zu Ende ist. Frau Dr. Braunewell wird die noch offenen Fragen selbstverständlich beantworten.

witti: Mit dieser Diät habe ich die Diabetes tatsächlich gut in den Griff bekommen: Aber die Alternativprodukte haben halt doch sehr viel Kohlenhydrate. Wenn ich ab morgen wieder Kortison bekomme, haut das gar nicht mehr hin, im Prinzip bleibt zu dieser Zeit nur Gemüse pur - Obst geht schon nicht und Vollkornbrot nur als Grundlage morgens. Gibt es für diese Zeit auch eine Alternative?

Dr. Heidi Braunewell: Das ist tatsächlich nicht ganz einfach, und doch kann es gehen. Gemüse mit einer leichten Soße aus halb Sahne halb Wasser, schön gewürzt. Oder Sojadream bzw. Soja cremig als pfanzliche Grundlage. Andicken mit Biobin (Reformhaus), das kohlenhydratfrei bindet. Vollkornprodukte wie z.B. Hirse oder Quinoa (südamerikanisches "Getreide"), ebenfalls mit ein klein wenig Fettigkeit, z.B. Walnussöl serviert, geht auch langsam ins Blut. Ebenso mit Vollkornbroten, dünn bestrichen mit Omega-3-Maragrine. Brotaufstriche auf Gemüse-, Soja-, Tofu- oder Hefebasis eignen sich auch hervorragend für Soßen. Für die süßen Brotaufstriche weichen Sie ruhig mal auf Diabetiker-Konfitüren aus oder mixen sich einen Schoko-Nuss-Aufstrich aus Mandel- oder Haselnussmus, flüssigem Süßstoff, Margarine und evtl. Kakao zusammen. Schmeckt lecker und ist auch mal OK. Wichtig sind auch die Fischmahlzeiten. Sie machen satt, schmecken gut und sind gesund!
Leider ist unsere Zeit um, vielen Dank für Ihre Fragen und bis zum nächsten Mal! In Frankfurt startet im nächsten Jahr mein Seminar "Ernährung bei MS", mit praktischem Kochteil. In der Geschäftsstelle erfahren Sie Näheres!

witti: Wie kriegt man raus, wo überall Linolsäure drin ist? Gibt es dabei auch Linolsäure, die dann nicht berechnet werden muß?

Dr. Heidi Braunewell: Die Linolsäuregehalte einzelner Lebensmittel findet man meines Wissens nur in Fachbüchern. Ein solches Buch ist der "Souci-Fachmann-Kraut", den es auch in einer kleinern Taschenausgabe gibt. Da heißt er auch "Der kleine Souci-Fachmann-Kraut". Meines Erachtens muss Linolsäure immer von der Menge her in Betracht gezogen werden. Vorteilhaft ist natürlich, wenn sie in Begleitung von alpha-Linolensäure auftritt, wie z.B. in Leinöl, da diese ein "Gegenspieler" zu Linolsäure ist.

witti: Vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen. Schönen Abend noch.

Moderator Doris Althofen: Unsere Chatrunde ist nun beendet. Vielen Dank an unsere Expertin und den Teilnehmerinnen. Wir würden uns freuen, Sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen.


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Protokolle der ExpertenChats
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 MS beeinflussen mit Ernährung?!, Dr. H. Braunewell, 11.11.03
 MS und Schwangerschaft, Prof. Dr. Judith Haas, 16.07.2003
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 Betroffene beraten Betroffene, Gerti Homann, 02.07.2003
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