31.07.2014 – Bei Sanofi-Aventis in Frankfurt kommen auf Einladung des Schwerbehindertenvertreters regelmäßig MS-betroffene Mitarbeiter zum Austausch zusammen. Wir haben mit Klaus Badeck über diese Initiative gesprochen.

Klaus Badeck (55) ist seit 2010 der Schwerbehindertenvertreter bei Sanofi Aventis in Frankfurt-Höchst. Der gelernte Chemielaborant bildet mit seinen ebenfalls drei gewählten Stellvertretern ein Team. Badeck ist Ansprechpartner für zirka 400 schwerbehinderte und gleichgestellte Kollegen. Foto: Thelen/DMSG Hessen

Klaus Badeck (55) ist seit 2010 der Schwerbehindertenvertreter bei Sanofi Aventis in Frankfurt-Höchst. Der gelernte Chemielaborant bildet mit seinen ebenfalls drei gewählten Stellvertretern ein Team. Badeck ist Ansprechpartner für zirka 400 schwerbehinderte und gleichgestellte Kollegen. Foto: Thelen/DMSG Hessen

Herr Badeck, was sind denn eigentlich die Aufgaben eines Schwerbehindertenvertreters hier bei Sanofi-Aventis?
Wir achten darauf, dass die Firma zum einen ihre Quote einhält, die Arbeitsplätze behindertengerecht gestaltet sind, haben dort auch ein Mitspracherecht. Was uns auch sehr am Herzen liegt, ist, dass auch Präventionen durchgeführt werden. Auch Langzeit erkrankte Kollegen sollten ab und an den Weg zur Schwerbehindertenvertretung suchen, damit wir schauen können, wie wir den Arbeitsplatz umgestalten oder Arbeitsmaßnahmen angepasst werden können. Denn eine Rückkehr zum Arbeitsplatz sollte immer gewährleistet sein. Unser Tagesgeschäft ist aber die Hilfestellung bei Anträgen im Sinne des Schwerbehindertenrechts. Wichtig ist mir auch, eine Vertrauensbasis mit dem Kollegen zu schaffen, und die Verschwiegenheit. Dass was mir der Kollege berichtet, bleibt hier in diesem Raum.

Wie nehmen Sie den Kontakt zu den schwerbehinderten Kollegen auf?
Ich selbst suche immer den persönlichen Kontakt. Die krankheitsgeplagten Menschen möchten die persönliche Ansprache, die Wertschätzung und damit sie nicht das Gefühl bekommen, vergessen zu sein. Wenn jemand erkrankt, ist er erst mal mit dieser Situation beschäftigt. Bei den Erkrankungen beobachten wir eine Verschiebung hin zu chronischen Erkrankungen wie Diabetes, neurologischen Erkrankungen wie MS und Stoffwechselerkrankungen während die Skelettmuskelerkrankungen zurückgegangen sind. Auch gibt es eine Zunahme an psychischen Erkrankungen – quer durch alle Hierarchieebenen vom einfachen Arbeiter bis zum oberen Management. Dem tragen wir mit unseren Programmen „Leben und Arbeiten bei Sanofi“ Rechnung. Das umfasst Kinderbetreuung, Pflege und die Schwerbehindertenarbeit, für die ich der Ansprechpartner bin und daher im ständigen Kontakt mit der Geschäftsleitung stehe.

Jetzt wurde bei Ihnen hier eine besondere Initiative gestartet. Nämlich ein Gesprächskreis für MS-betroffene Mitarbeiter. Wie muss ich mir das vorstellen?
Die Idee stammte nicht von uns, sondern von einem jungen Kollegen. Er hatte die Diagnose MS und einen Schwerbehindertenbescheid erhalten. Er fragte mich, ob ich noch von weiteren MS-Betroffenen wüsste, aber dazu durfte ich ihm nichts wegen der Schweigepflicht sagen. Er suchte aber unbedingt andere Betroffene, um mit ihnen über die MS zu sprechen: nicht in einer Selbsthilfegruppe, sondern im Betrieb. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass ich im nächsten Rundschreiben an meine Schwerbehinderten seinen Wunsch mitteile. Ich hatte einen riesigen Rücklauf, da viele Kollegen von MS betroffene Angehörige haben. Denen musste ich erst einmal mitteilen, dass der Treff primär für die MS-erkrankten Mitarbeiter gedacht ist. Ich habe aber beim Schwerbehindertenbeauftragten des Unternehmens angeregt, eine Veranstaltung für Kollegen zu organisieren, die selbst nicht an MS erkrankt sind, sondern deren Angehörige.

Und der Gesprächskreis?
Der hat sich zwischenzeitlich etabliert. Ich nehme an den Treffen als Moderator teil. Schon die erste Zusammenkunft war hochinteressant. Es entwickelte sich ein ganz schneller Austausch obwohl es ganz unterschiedlichen Altersgruppen und überwiegend Frauen waren. Vor allem über den Verlauf der Krankheit tauschten sich die Teilnehmer aus. Mein Eindruck ist, dass es den Teilnehmern wichtig ist, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen. Auch die Diskussion über die Therapien und die Medikamente wurde sehr rege geführt. Jeder brachte etwas ein, machte Vorschläge, lieferte Anregungen. Das ist einfach ein guter Ansatz.
Wie oft kommt der Kreis zusammen?
Der kommt vierteljährlich zusammen. Für zwei Stunden hier auf dem Betriebsgelände. Ich lade formal ein. Diese kann den Vorgesetzten dann vorgelegt werden. Ob der weiß, was für eine Erkrankung der Mitarbeiter hat, hängt immer von dem Klima in der jeweiligen Abteilung ab. Ist es gut, dann weiß der Vorgesetzte über die Hintergründe Bescheid. Soweit ich weiß, ist das derzeit bei allen der Fall.

Wie viele kommen zu den Treffen?
Das ist unterschiedlich. Viele arbeiten noch im Schichtbetrieb. Wir haben immer so einen Stamm von zwölf bis 15 Mitarbeitern, die teilnehmen. Insgesamt habe ich 22 Rückmeldungen von interessierten Mitarbeitern, die mitmachen. Auch der junge Mann ist immer dabei. Er sagt, er hat für sich einen großen Nutzen daraus gezogen: zum einen wegen des Erfahrungsaustauschs als auch wegen der Kontakte zu Medizinern. Das ist das Salz in der Suppe. Das, was wir erreichen wollen.

Können Sie schon sagen, was Sie für die Kollegen planen, die sich ebenfalls gemeldet hatten, aber nicht MS-betroffen sind, sondern jemand aus dem persönlichen Umfeld?
In Zusammenarbeit mit dem Schwerbehindertenbeauftragten des Unternehmens planen wir, einen Infotag zum Thema Multiple Sklerose auf die Beine zu stellen, alle 7500 Mitarbeiter bundesweit anzuschreiben und einzuladen, wenngleich die Veranstaltung für Berlin separat wäre. Das Wo und Wie ist noch am Werden. Aber dieser MS-Gesprächskreis war für uns eine Initialzündung, uns zu überlegen, Kollegen, die eine ähnliche Erkrankung haben, sei es eine neurologische oder eine Krebserkrankung, ihnen etwas anzubieten.

Interview: Sonja Thelen